Das Reifegradmodell nach Hersey & Blanchard einfach erklärt: Warum eine Mitarbeiterin vier Führungsstile braucht

Mira ist seit ein paar Tagen in Deinem Team, und Dir fällt etwas auf: Sie fragt nichts.

Kein „Wie mache ich das?“, kein „Ist das so richtig?“, stattdessen sitzt sie öfter am Handy, während um sie herum gearbeitet wird. Und Du fragst Dich: Ist sie überfordert? Unmotiviert? Beides? Und, viel wichtiger: Was mache ich jetzt eigentlich, damit aus dieser Auszubildenden am Ende jemand wird, die ihren Job richtig gut allein macht?

Dieses Rätselraten kennt jede Führungskraft, die mehrere sehr unterschiedliche Menschen führt und merkt, dass der gleiche Ton bei verschiedenen Menschen komplett unterschiedlich ankommt, darüber habe ich schon geschrieben. Was dahintersteckt, schauen wir uns jetzt in voller Länge an. Und zwar anhand von Mira, die über ihre ganze Ausbildung hinweg vier komplett unterschiedliche Führungsstile von ihrer Führungskraft brauchte, obwohl sie die ganze Zeit dieselbe Person blieb.

Das Reifegradmodell nach Hersey und Blanchard

Wir starten mit ein wenig Theorie dahinter! Das Modell stammt von den amerikanischen Verhaltensforschern Paul Hersey und Kenneth Blanchard, veröffentlicht 1982. Im Deutschen kennt man es als „Situative Führung“ oder „Reifegradmodell“, ein Name, den ich ehrlich gesagt nicht besonders gelungen finde, weil er klingt, als wäre ein Mensch mal reifer und mal unreifer. Das stimmt für mich überhaupt nicht. Es geht dabei um etwas viel Handfesteres: nämlich um zwei Fragen, die ich mir bei jeder Aufgabe und jeder Person neu stelle.

Erstens: Kann die Person das? Ihre Kompetenz.
Zweitens: Will sie es? Ihre Motivation.

Beides mal hoch, mal niedrig, macht vier mögliche Kombinationen und für jede schlägt das Modell einen anderen Stil vor. Ich bleibe im Weiteren bei Kompetenz und Motivation, nicht bei „Reifegrad“. Das trifft’s für mich einfach besser.

Und jetzt zu Mira, denn an ihr lässt sich das Ganze vom ersten bis zum letzten Ausbildungstag durchspielen.

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Führungsstil 1: Anweisen, wenn beides noch fehlt

Mira hat gerade angefangen. Sie kennt die Abläufe im Unternehmen kaum, ist in ihre Programme noch nicht eingearbeitet und stellt trotzdem keine Rückfragen, sondern greift während der Arbeitszeit lieber zum Handy. Kompetenz: niedrig. Motivation: auch niedrig, zumindest gerade.

Das hilft Dir in dieser Phase: Bloß kein einfühlsames Coaching-Gespräch, kein „Und was denkst Du selbst dazu?“, das hätte sie an dieser Stelle komplett überfordert. Was Mira braucht, ist Orientierung. Klare Anweisungen und exakte Vorgaben. Ja, auch ein gewisses Maß an Kontrolle, so unsexy das klingt. Entscheidungen triffst Du als Führungskraft in dieser Phase noch weitgehend allein. Das fühlt sich zwar nach wenig Beteiligung an, es ist aber genau die Sicherheit, die Mira braucht, wenn sie selbst noch nicht weiß, wonach sie fragen müsste.

Führungsstil 2: Anleiten, wenn der Wille da ist, das Können aber noch nicht

Ein paar Wochen später hat sich einiges gedreht. Mira hat sich eingefunden, stellt jetzt jede Menge Rückfragen, versucht in Eigeninitiative rauszufinden, was sie noch nicht weiß und bietet sogar von sich aus Hilfe an. So sehr, dass Du als Führungskraft eher aufpassen musst, dass sie nicht zu viele Überstunden schiebt. Motivation: hoch. Kompetenz: noch nicht ganz da, sie macht hin und wieder Fehler, weil ihr die Erfahrung fehlt.

Das hilft Dir in dieser Phase: Jetzt braucht sie beides gleichzeitig von Dir: klare Anleitung UND Austausch. Erkläre den Sinn hinter der Aufgabe, nicht nur das Was, auch das Warum. Gib Einblick in Deine Entscheidungen und beantworte Rückfragen ausführlich. Wenn Du hier einfach weiter angewiesen hättest wie bei Stil 1, ohne sie einzubeziehen? Dann wäre ausgerechnet die Motivation flöten gegangen, die gerade ihr wertvollstes Kapital ist.

Führungsstil 3: Unterstützen, wenn das Können da ist, die Lust fehlt

Zweites Ausbildungsjahr. Mira erledigt ihre Aufgaben inzwischen fehlerfrei, pünktlich und zuverlässig. Und trotzdem: Etwas Routine hat sich eingeschlichen. Sie findet manche Aufgaben eintönig, hält sich in Meetings zurück, sucht nicht mehr von sich aus nach neuen Lösungen. Kompetenz: hoch. Motivation: spürbar runter.

Das hilft Dir in dieser Phase: Hier hilft keine engere Führung, sogar eher im Gegenteil. Mira kann ihren Job, das steht außer Frage. Was jetzt zählt, ist das Gespräch: Was fehlt ihr gerade? Wo langweilt sie sich? Lass sie eigene Ideen einbringen, beteilige sie an Entscheidungen und gib ihr mehr Freiheit. Und genau hier wird’s entscheidend: Höre besonders gut hin, sonst verlierst Du über kurz oder lang eine richtig gute Mitarbeiterin.

Führungsstil 4: Delegieren, wenn beides passt

Mira beendet ihre Ausbildung mit Bravour. Sie liefert nicht nur zuverlässig, sie bringt eigene Ideen zur Prozessoptimierung ein und wird selbst Ansprechpartnerin für die neuen Azubis. Kompetenz: hoch. Motivation: hoch.

Das hilft Dir in dieser Phase: Zurücktreten. Ernsthaft. Nimm Dich sowohl in der Aufgaben- als auch in der Personenorientierung zurück und gib proaktiv Verantwortung ab. Mira darf jetzt eigene Entscheidungen treffen. Das bringt gleich zwei Dinge: Es festigt ihre Kompetenz und Motivation weiter, und es verschafft Dir selbst Luft für andere Dinge.

Ein Punkt bleibt trotzdem wichtig: Auch Top-Leute wie Mira brauchen Anerkennung, sonst bröckelt irgendwann auch ihre Motivation. Und bei einer komplett neuen Aufgabe darf selbst sie wieder bei Führungsstil 1 starten. Die Führungsstile müssen sich der Situation anpassen und ändern sich dementsprechend regelmäßig.

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Was Mira in vier Phasen durchlief, durchläuft im Grunde jeder Mensch, den Du führst, nur eben bei jeder Aufgabe und in jeder Phase wieder neu, und nicht zwingend der Reihe nach. Und genau deshalb ist „Welchen Führungsstil hast Du?“ die falsche Frage.

Die richtige lautet: Was braucht die Person vor mir gerade und passt das, was ich gerade tue, überhaupt dazu?

Wenn Du das nicht nur an Miras Geschichte, sondern an Deinem eigenen Team durchdenken willst, mit engmaschiger Coaching-Begleitung statt allein am Schreibtisch: Genau darum geht’s im Programm NEU IN FÜHRUNG. Schau gern mal rein!

Deine Gesa

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Wer schreibt hier?

Ich bin Gesa Weinand, Diplom Psychologin, Führungskräftecoach und Gründerin von LEADamos®.

Seit über 30 Jahren begleite ich Menschen in Führung dabei, ihren  eigenen Weg zu finden.

In diesem Blog teile ich Erfahrungen, Impulse und konkrete Tipps für den Führungsalltag.

Denn gute Führung braucht kein Talent, sondern Ausbildung!

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